Lokal versteckt: Berlins neue, alte Lust an Alternativen

Balkci Ergun von Südwesten

Versteckt unter Gleisen: Das Fischrestaurant Balkci Ergun

„Location, location, location“: So hämmern es in der Regel selber recht ortlose Hotel- und Gastro-manager sich und den Gästen ein. Und wer an ihrer Stelle würde sich nicht wünschen, die potenziellen Kunden an vorhersehbare Orte zu lotsen? Um Berliner Verkehrsknotenpunkte herum hat dieses Ansinnen in den vergangenen Jahren durchaus deutliche, zumeist niederschmetternde Ausprägungen erfahren. Vor lauter Ibissen, Motel Ones und Holiday Inns kann man sich kaum entscheiden – und möchte es eigentlich auch nicht. Aber Berlin war immer auch der Ort der Alternativen, denen anderswo gültige Vorlieben schnurzpiepe waren. „Vorne Ku’Damm, hinter Ostsee“, so karikierte bereits Kurt Tucholsky den vermeintlich universalen Wunsch, immer am richtigen Ort sein zu wollen. Heute erleichtern unzählige Reiseführer, Magazine, Blogs und persönliche Empfehlungen das Auffinden von Orten, die man immer schon gesucht haben wollte. Vier auf je eigene Art gastronomisch interessante Adressen seien zur Neu- bzw. Wiederentdeckung empfohlen:

  1. Das „Nö“ (Glinkastr. 23): Könnte es einen kürzeren und prägnanteren Namen für ein Berliner Lokal geben? Schon beim Anblick des wahrscheinlich einzigen mit Weinreben umrankten Hauses in Berlin-Mitte wird man auf eine Zeitreise eingestimmt. Die verwinkelten und charmant abgenutzten Räumlichkeiten bieten viel Holz und noch mehr Weinflaschen feil. Tatsächlich stellt der Rebensaft die Kernkompetenz und Leidenschaft der Betreiber dar; vom Schoppen aus der Literflasche bis zu Grands Crus Classés reicht das für einen Betrieb dieser Größe überaus stattliche Angebot. Bei den Speisen, die in erster Linie der Weinbegleitung dienen, scheint hingegen „understatement mit Niveau“ das Motto zu sein, locker angesiedelt im Dreiländereck Württemberg/Burgund/Toskana. Ob deftig oder leicht, Schinkenfan oder Fleischverachter – auf die Frage, ob schon einmal jemand hungrig von dannen gezogen ist, müsste die Antwort wohl „Nö“ lauten (allerdings sollte man vorab reservieren)!
  2. Das „ProbierMahl“ (Dortmunder Str. 9): Die Lust am Wortspiel – wie an unkompliziert-schmackhafter Küche – wird auch in Moabit gepflegt. An einer neubürgerlich bespielten Straßenecke im „Westfälischem Viertel“ lädt diese moderne Variante des Wirtshauses mit Design-Lampen und integriertem Barbereich zum Verweilen ein. Weine sind auch hier ein Thema (die durchaus fair bepreisten Bouteillen werden auf ganzseitigen Hochglanzkartons ausführlicher beschrieben), allerdings weniger „erkenntnisleitend“ als in der Glinkastraße. Dafür holt die Küche weit aus und versucht sich an Crossover-Kostproben aus vielen Weltregionen – sowie an Burgern für alle Fälle (inklusive vegetarischem „Kiez-Burger“). Durchdacht, ohne ins Verkopfte abzugleiten sind vor allem die in Dreier-Sets zusammenstellbaren Tapas, die wohl zugleich als sanfter Hinweis darauf zu lesen sind, warum es nicht „Probier(ein)Mal“ heißt.
  3. Das „Eins44“ (Elbestr. 28/29): Der Postzustellbezirk 1044 (aka Neukölln) war nicht als Ort verfeinerter Lebensart bekannt. Mit diesem Erbe spielt die „Kantine Neukölln“, Zweitname dieses im zweiten Hinterhof angesiedelten Lokals, nach Herzenslust: semantisch wie materiell. Der postindustrielle Gastraum mit alten Wänden und neuem Zwischengeschoss integriert Spolien seiner früheren Nutzung, z.B. Zahnräder und Glasgefäße, in denen dort einst Likör hergestellt wurde. Das verwirrende Spiel mit der Einheit von Ort und Zeit findet unübersehbar seine Fortsetzung in großformatigen Fotografien, die Innenräume an jener Stelle des Innenraums zeigen, wo sie sich auf den ersten Blick einmal befunden haben könnten, was dann aber auf den zweiten Blick doch nicht sein kann. Die Küche hat Gourmet-Ambitionen, mit direkten Folgen auf die Preisgestaltung und auf den – recht minimalistischen – Umfang der Karte (mittags 5, abends 12 Positionen, Vorspeisen und Dessert jeweils eingeschlossen). Überhaupt muss man Chefkoch Sebastian Radtke vertrauen, der auf der Karte lediglich seine Hauptzutaten verrät (z.B. Lachs/Blutwurst/Rote Beete), nicht aber deren Umfang oder Zubereitungsart. Das kann man bedenkenlos tun – auch wenn die Mode parataktischer Speisekarten ihren Zenit (hoffentlich) überschritten hat. Zugleich avantgardistisch und nachhaltig dagegen das Kühlkonzept im Winter für die Weißweine: Auf einem alten Holzweinfass prangt ein gutes Dutzend „offener“ Weine, wie um dem frierenden Reisenden, der es bis an diese Grundstücksmauer geschafft hat, ein freundliches „Nicht mehr weiter!“ zu entbieten.
  4. Das Balkçi Ergun” (Lüneburger Str. 382): Zentraler UND versteckter als dieses türkische Fischrestaurant kann man sich auch in Berlin kaum ansiedeln. Kaum 200 Meter entfernt befindet sich der Arbeitsplatz der angeblich mächtigsten Frau der Welt, neuerdings flankiert vom zackigen Innenministerium, das dem Gastronomen aus dem Wohl-nicht-mehr-EU-Beitrittskandidaten-Land beinahe so nahe auf die Pelle rückt wie dem „Paris-Moskau“. Und über seine Köpfe fahren tagtäglich zigtausende S-, Regional- und Fern-Bahnreisende. Nur ein verschwindend kleiner Teil davon wird wissen, was sich auf Straßenebene in diesem von zwei Seiten betretbaren Lokal abspielt, das als Fischhandel begann und den Meeresbewohnern unverändert die Hauptrolle überlässt: in der für Nordeuropäer ungewohnten rußgeschwärzten Grillversion „im Ganzen“. Memorabilia jenseits des Folkloristischen, darunter stalagtitenförmig von der Decke herunter tropfende Karten, und die laufenden Fernseher befördern die Gäste mit zusätzlicher Plausibilität gen Bosporus. Hier ist alles ein wenig klebriger und stickiger als gewohnt, die Grilldämpfe werden im Laufe des Abends zunehmend um Nikotinschwaden ergänzt. Wer um sein gesundheitliches Wohlergehen – oder jenes der Schwiegermutter – besorgt ist, bleibt zwischen Hauptbahnhof und Bellevue besser in der S-Bahn sitzen, furchtlose Pioniere und Levante-erfahrene Seeleute werden sich in dieser Höhle indes wie zu Hause fühlen.

Soweit dieses dezidiert unrepräsentative Sample, das einzig dadurch zustande kam, dass der Unterzeichnende in letzter Zeit einen Fuß über die betreffenden Schwellen gesetzt hat. Es bestärkt in der Überzeugung, dass es sich lohnt, eher versteckt gelegene und unprätentiös daher kommende Lokale zu suchen und mit anderen zu teilen. Und es bestärkt die Hoffnung, dass Berlins „Eigenlogik“ sich bis auf Weiteres einer allzu belanglosen „Verkettung“ und Banalisierung des kulinarischen Angebots verschließen wird, stattdessen der inzwischen erfreulichen Vielfalt förderlich bleibt. Und wenn in der über preußische Ernährungsregimes hinaus gewachsenen Hauptstadt jeder nach seiner Façon glücklich werden könnte? Na, da kannse nich meckern!

von  Marc Schalenberg